Folge 97: Odendorfer Schullandschaft im Wandel

Sammlung Zehnthaus • 21. März 2026

In den Kriegswirren des Zweiten Weltkriegs ging die erste Schulchronik der Schule am Zehnthof verloren. Nun ist dieser Schulname zumindest vorübergehend nicht mehr ganz aktuell, denn die Kinder werden im Containerblock „In der Freiheit“ in einem Ausweichquartier unterrichtet. Die alte Schule erwartet der Abriss, und der Neubau steht bevor. Noch ist einmal Zeit für einen Rückblick in die bestehende Chronik, die von Hauptlehrer Johann Lutterbeck mit undatierten Aufzeichnungen aus früherer Zeit begonnen wurde und die mit der Pensionierung von Rektor Heinrich Olzem zum Schuljahr 1989/1990 endet. Der nachstehende Auszug stammt aus den handschriftlichen Aufzeichnungen von Johann Lutterbeck.


„Im 18. Jahrhundert, in dem Zeitalter, von dem uns die Odendorfer Schulchronik, die 1929 von dem Hauptlehrer Johann Lutterbeck angelegt, aber von der Besatzungstruppen 1945 vernichtet wurde, erzählt, sorgten die wenigsten Staaten für die Errichtung von Schulen und Unterrichtung der Jugend.

Auch der Herzog von Jülich, zu dessen kleinem Staat Odendorf angehört, bezog Bau und Unterhaltung von Schulen, Unterrichtung und Erziehung der Knaben und Mädchen nicht in sein Aufgabengebiet ein, sondern überließ dies den Gemeinden und Kirchen. Die „Gemeindemänner“ von Odendorf, so nannte man die heutigen Gemeinderäte, wandten sich daher mit allen Kräften und größter Sorgfalt dem Schulverein zu.


Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts besaß Odendorf ein Schulgebäude. Höchstwahrscheinlich wurden die Kinder in dem Gebäude bei der Kirche unterrichtet, das heute noch als „Alte Schule“ bezeichnet wird und das gleichzeitig die Wohnung der Lehrer enthielt. Der Lehrer führte zugleich das Küster-Geschäft aus.


1776 war das Schulgebäude reparaturbedürftig. Es musste ein neuer Dachstuhl gebaut und neue Türen mussten hergestellt werden. Die Ausführung dieser Arbeiten übertrug man im Akkord dem Meister Christian Decker aus Oberdrees. Am 18.6.1776 waren die Arbeiten beendet. Der Statthalter Heinrich Bütgenbach, der zugleich Magister (Lehrer) und Küster von Odendorf war, rief durch Glockengeläut die Bürger zusammen und legte die Rechnung über die Bauarbeiten vor.


Nach dieser Rechnung wurden die Baumaterialien Lehm und Weidenholz zur Herstellung des Mauerwerks verwandt. Zwischen dem aus kräftigen Eichenstämmen errichteten Fachwerk des Schulgebäudes wurden aufrechtstehende Stücke befestigt, die man „Stückstecken“ nannte. Zwischen diesen Stecken befand sich dünne Stöcke und Reisig, und zwar aus biegsamem Weidengehölz geflochten. Dieses geflochtene Gehölz nannte man „Riffelsgerten“. Der Maurermeister stellt nun aus Lehm, dem geschnittenen Stroh beigemischt war, einen dicken Brei her, bewarf damit das Flechtwerk, und führte die Putzarbeiten aus. Das Dach des Odendorfer Schulgebäudes wurde mit Stroh gedeckt.


Jede Familie, soweit Hauseigentümer, musste kostenlos ein Quantum Stroh hergeben. Aus dem nahen sehr kleinen Dorf Essig, damals „Klosteressig“ und auch „auffem Essig“ genannt, besuchten auch die Kinder die hiesige Schule. Selbstverständlich mussten daher auch die Hauseigentümer von Essig zu den Baukosten beisteuern. Man stellte fest, dass unser Dorf sechsmal mehr Häuser hatte als Essig. Die Baukosten wurden nun einfach so verteilt, dass die Odendorfer 6/7 und Essig 1/7 der Kosten zu tragen hatten.

Drei Familien, die auf dem sogenannten „Rappelslehn“ wohnten und als Freiheit u.a. an die Gemeinde Odendorf weder Steuern noch Abgaben zu entrichten brauchten, mussten mit je 2 Gulden zu den Baukosten ihren Obolus entrichten. Die Kinder dieser Familie besuchten ebenfalls die Odendorfer Schule.


Am 11. September 1791 stiftete der „Gemeinsmann“ Johann Mömerzheim aus Odendorf 240 Reichstaler zu einer „freyen Schul“ für die Odendorfer Kinder, sowohl reiche als arme. Die Zinsen dieses Kapitals flossen dem Lehrer von Odendorf zu, damit er mit gleicher Liebe und Sorgfalt die Kinder unterrichtete, ob reich oder arm.“


Quelle: Schulchronik Odendorf

von Sammlung Zehnthaus 18. Juni 2026
Basilika der Heiligen Dreifaltigkeit in Fátima, der Stadt der Heiligen Marienerscheinung in Portugal. (Bildquelle: Reis Quarteu, Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY‑SA 4.0 , Original: Foto ) Undatierte handschriftliche Notizen von Hauptlehrer Johann Lutterbeck: „Als 1917 die Nachricht von den Muttergotteserscheinungen bei Fatima in die Welt ging, wurde der kleine portugiesischer Ort bald zu einem Mittelpunkt der Marienverehrung, zumal seitdem zahllose Heilungen und Bekehrungen dort geschahen. Während die Bischöfe Portugals ihr Land „Unserer lieben Frau von Fatima“ weihten, setzte die Verehrung der Gottesmutter von Fatima in Deutschland erst vor kurzem und nur allmählich ein. Die einzige Statue der Madonna von Fatima in ganz Westdeutschland befindet sich seit einigen Wochen in Odendorf. Odendorf: Festliches Glockengeläute kündete am Pfingstmontag 1951 ein besonderes Ereignis an: Es galt der Madonna Unserer lieben Frau von Fatima, ein wertvolles Geschenk aus Spanien, in der Pfarrkirche ein Ehrenplatz zu geben. Die Anteilnahme der Bevölkerung an beiden Pfingsttagen bewies nicht nur die Freude der Odendorfer über dieses bedeutsame Geschenk, sondern auch, wie sehr die Marienverehrung gerade in der Bevölkerung unserer Heimat verwurzelt ist. Schon am frühen Morgen der ersten Pfingsttages hatten sich die katholischen Odendorfer wie auch viele Gläubige aus der näheren und weiteren Umgebung vor dem Odendorfer Kloster versammelt. Auf einer Trage von Schwestern des Klosters getragen, wurde die Statue unter den Klängen einer Musikkapelle und den Gesängen der Gemeinde durch die Straßen des Ortes zur Kirche getragen, wo sie auf dem linken Seitenalter ihren Platz erhielt. Zur Ehre der Gottesmutter und aus Dankbarkeit sang man, begleitet von der Geistlichkeit und den 16 Chorknaben, den marianischen Lobgesang. Dann verlas Pfarrer Lukas die Geschenkurkunde und dankte der Pfarrgemeinde für ihre große Anteilnahme. Anschließend war ein Levitenhochamt, indem der Odendorfer Kirchenchor unter Leitung seines Dirigenten Hoven, die Männerchormesse „Zum heiligsten Herzen Jesu“ von Schäfer sang. Die Festpredigt hielt Franziskanerpater Domulus, der besonders an die Huldigungsworte des Heiligen Vaters vom 13. Mai 1942 erinnerte, mit denen der Papst am Tage der 25-jährigen Wiederkehr der Erscheinungen von Fatima allen Katholiken zu noch. eifrigerer Verehrung des Herzens Maria aufrief und die Welt dem heiligsten Herzen Mariä weihte. In der Andacht am Nachmittag, die noch stärker besucht war als die Feierlichkeiten am Morgen, predigte Kamillianerpater Reinhartz über die Geschehnisse von Fatima. Eine erhabene Feier war auch am Abend die Weihe der Pfarrgemeinde Odendorf an die Muttergottes. Die Lichterprozession musste wegen des Regens in der Kirche stattfinden. Mit einem feierlichen Hochamt, in dem die Chorknaben die Pfingstchoralmesse sangen und einer erhabenen Schlussfeier, in der Pater Domulus wiederum die Festpredigt hielt, wurden die festlichen Marientage von Odendorf am Pfingstmontag würdig beschlossen“. Quelle: Schulchronik "Schule am Zehnthof"
von Sammlung Zehnthaus 9. Mai 2026
Undatierte handschriftliche Notizen von Hauptlehrer Johann Lutterbeck: „Unsere gute alte Schule - 1891 nach einem preußischen Einheitstyp erbaut, genügte seit langem den Anforderungen nicht mehr. Sie war dunkel und unfreundlich, denn nur die Nordseite trug Fenster. Große, ewig qualmende Ofen standen in allen Klassen und erwärmten sie nur unzureichend. Seit langem war ein Umbau beziehungsweise Neubau geplant, aber es fehlten die erforderlichen Mittel. Endlich war es aber soweit. Land, Kreis und Gemeinde beteiligten sich finanziell, die Gemeinde unter großen Opfern und unter Zurückstellung anderer wichtiger Vorhaben – so daß mit Beginn der Sommerferien 1957 die ersten Bauarbeiten begonnen werden konnten. Das erste war die Anbringung eines neuen Dachstuhls mit neuer Beziegelung. Die alten Balken waren an vielen Stellen morsch und wurmzerfressen. So groß die Freude über den Beginn der Umbauarbeiten auch war, so nachteilig und unzureichend war nun der Unterricht, der in dem ermieteten Saale (auch Kegelbahn) der bisherigen Gaststätte Esser durchgeführt werden musste. Der Umzug dorthin wurde mit Pferdewagen und Traktoren, die kostenlos von Einwohnern gestellt wurden, vollzogen, denn Bänke, Tische, Tafeln, Schränke, alles musste mitwandern. Es war Winterzeit geworden, und die Kinder wie Lehrpersonen brachten die Zeit vom 9.9.1957 bis zum 31.1.1958 in der vorgenannten Notbleibe zu. Kalt und zugig waren Tanzsaal und Kegelbahn, aber es ging recht und schlecht, wenngleich Kinder und Lehrpersonen oft im Mantel dort zubringen mussten. Mittlerweile hatte unsere Schule ein modernes und lichtes Aussehen erhalten. Die vorhandenen Fenster wurden größer gebrochen die Südseite erhielt ebenfalls Fenster und ein neues, steinernes Treppenhaus wurde geschaffen. Vom Altbau blieben nur noch die Außenmauern stehen. Sie wurden mit neuen Betondecken versehen. Alle Klassen erhielten freudige Wandfarben, moderne Beleuchtung und Wasserbecken. Zugleich bekam der ewig steinige Schulhof eine feste Decke. Dazu ist eine schöne Toilettenanlage mit Pausenhalle und ein Trinkbrunnen erstellt worden. Erfreulich war, daß wir nun eine feine Ölheizung bekamen und 3 der Klassen mit neuen, modernen Schulmöbeln ausgestattet wurden. Manches finanzielle Opfer haben sich die Gemeindeväter auferlegt, aber überall begegnete man der Meinung, daß für unsere Schulkinder das Beste gut genug sei. Nachdem nun die Klassen rohe Zementböden hatten – Kunststoffplatten sollten noch folgen – zog es die Schulleitung vor, schon jetzt im Neubau zu unterrichten – und es ging ganz gut, wir waren wieder zuhause. Zwei Monate später war alles fertig und unser Heimatort um ein schönes Gebäude reicher. Kinder und Lehrpersonen waren es recht zufrieden, und dankens-werterweise ließen die Gemeindeväter außer neuer Wandschiebetafeln auch noch bunte, moderne Vorhänge zu Wohnlichkeitmachung aller Räume beschaffen. Verschwunden sind nun die alten Öfen, 3-, 4- und 5-Sitzbänke sowie die alten Möbel und neuer freudiger Lerngeist konnte einziehen. Die Schule erhielt ein neues Gesicht.“ Quelle: Schulchronik Odendorf  Anmerkungen zum preußischen Schuleinheitstyp, der im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbreitet war: Es ging dabei weniger um ein einziges festes Design, sondern um typische architektonische und funktionale Merkmale. Dazu gehörte eine klare, rechteckige Bauweise, meist zwei bis drei Stockwerke, mit einer strengen, oft symmetrischen Fassade mit gleichmäßigen Fensterreihen, die nach Süden oder Osten ausgerichtet waren. Alle Klassenräume hatten hohe Decken zur besseren Luftzirkulation und gingen von einem Hauptflur ab. Die Schuleingänge und die Klassenzusammensetzung waren nach Geschlechtern getrennt, häufig gab es sogar getrennte Gebäude für Jungen und Mädchen. Dekoration in irgendeiner Form war nicht üblich. Das pädagogische Denken war auf Frontalunterricht, Übersicht und Kontrolle angelegt. Alle Schüler arbeiteten in starren Sitzreihen am gleichen Thema zur gleichen Zeit.
von Sammlung Zehnthaus 9. April 2026
Undatierte handschriftliche Notizen von Hauptlehrer Johann Lutterbeck: „1914 bei der Mobilmachung wurde Hauptlehrer Schumacher als Landstürmer zur Bewachung des hiesigen Bahn-Brückenübergangs (Orbachstraße) einberufen. Dies war nur daher möglich, dass die Amtsverwaltung keinen Antrag auf Zurückstellung beziehungsweise Unabkömmlichkeit gestellt hatte. Nach kurzer Zeit kehrte Schumacher wieder in den Schuldienst zurück. A m 2./3. Dezember 1914 kam hier der erste Lazarettzug an. Unser Krankenhaus wurde Lazarett. Der damalige Pfarrer Welter bat um Wäsche, Betten und Nahrungsmittel für die Verwundeten. Reichlich wurde gespendet. Vor Weihnachten zog der Lehrer Hans Jonen mit einigen Schulkindern durch alle Orte der Bürgermeisterei, um Liebesgaben für die Verwundeten zu sammeln. Die Sammler führten einen großen Erntewagen mit und kehrten hoch beladen zurück. Mehrere 100 Mark, viele Zentner Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, Brot, zahlreiche Flaschen Wein, Geflügel, Zigarren und Zigaretten kamen zusammen. Bei einer Saalfeier am 20.12. 14 für die Verwundeten trug die Schule durch passende Deklamation und Lieder zur Verschönerung bei. Auch eine Bescherung der Kinder der Verwundeten wurde durchgeführt. Außerdem konnten die Schulkinder vor Weihnachten diesen Kindern durch viele Päckchen eine Freude bereiten. Im März 1916 wurden für die 4. Kriegsanleihe in unserer Schule durch die Schulkinder 1100 Reichsmark gezeichnet. Vom Anfang des Rückmarsches unserer Truppen war das Schulgelände ständig belegt, so dass kein Unterricht stattfinden konnte. Die Besatzungstruppen folgten der deutschen Wehrmacht, räumten aber nach kurzer Zeit wieder die Schule. Den 4. Schulsaal benutzen die Besatzungstruppen als Unterrichtsraum. Sie machte sich kaum bemerkbar und störten in keiner Weise den Unterricht der Kinder. Das Jahr 1933 (30. Januar) sah in unserem Vaterlande die Machtübernahme durch die N.S.D.A.P. -Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Am 1. Mai 1933 wurde der neu gewählte Ortsbürgermeister Josef von Sturm eingeführt. Abends vorher traten Hauptlehrer Johann Lutterbeck und Lehrer Johannes Golla der Partei bei. Die Lehrerin Fräulein Pfeiffer weigerte sich und hatte infolgedessen manch unruhige Tage und Stunden verlebt, bis sie gezwungenermaßen die Kükenschar (Hitler Küken) = Mädchengruppe bis 10 Jahre übernahm. Bei einer Werbung für die Hitlerjugend, die als öffentliche Versammlung durchgeführt wurde, fehlte die Lehrerschaft. Der Redner des Tages sagte nach einem Zeitungsbericht, „wenn die Lehrerschaft abseits stehen wolle, habe es für sie 12 geschlagen. 1937 kam der Bruch seitens der Partei mit der Kirche. Aus der Schule wurde das Kreuz entfernt. Wer hatte es getan? Eines Morgens waren alle Kreuze aus den Schulsälen verschwunden.“ Hier endet der Auszug. Johann Lutterbeck schrieb in seinen Aufzeichnungen: „Unser Krankenhaus wurde Lazarett“. Dazu möchten wir anmerken: Die alte kath. Pfarrkirche St. Petrus u. Paulus wurde bereits 1912 zweckentfremdet und als Krankenhaus umgebaut. Die Krankenpflege übernahmen zunächst Augustinerinnen. Außerdem leiteten die Schwestern einen Kindergarten und eine Nähschule für Mädchen. Der Chor der Kirche diente als Hauskapelle. Das abgetrennte Mittelschiff war mit einer Zwischendecke geteilt worden, das nördliche Seitenschiff neu überbaut. In den geschaffenen Zimmern wohnten die Nonnen, das Erdgeschoss beherbergte den Kindergarten und die Nähschule. Während des Ersten Weltkrieges diente das Krankenhaus wie erwähnt als Spital für verwundete Soldaten.1920 übernahmen Franziskanerinnen die Verantwortung und überführten die Nutzung in Altenpflege. Quelle: Schulchronik Odendorf
von Sammlung Zehnthaus 18. Februar 2026
Die Suche nach dem Karnevalsursprung führt uns auch tief in die deutsche Geschichte. Die früheste bekannte Erwähnung der „Fasnaht“ findet sich in Wolfram von Eschenbachs Epos „Parzival“ aus dem Jahr 1206. Er beschreibt Spiele, Tänze und Verkleidung in Dollnstein, Bayern. Ein weiteres wichtiges Dokument ist die Speyerer Chronik von 1612. Sie berichtet von Fastnachtsunruhen im Jahr 1296. Dies bestätigt, dass Karnevalsbräuche schon im 13. Jahrhundert fest verankert waren. Die Karnevalsgeschichte zeigt eine enge Verflechtung mit kirchlichen Traditionen. Im Mittelalter wurde die Fastnacht als Gegenpol zur christlichen Fastenzeit gesehen. Die Kirche duldete die ausgelassenen Fastnachtstradition. Sie sah darin eine Darstellung der „civitas diaboli“, des Teufel-Staats. Mit dem Aschermittwoch musste die närrische Zeit enden, um die Rückkehr Gottes zu symbolisieren. Die Reformation stellte die Fastenzeit in Frage, was in protestantischen Regionen zum Verschwinden vieler Fastnachtstradition führte. Erst in den 1990er Jahren erlebte der Karneval dort eine Renaissance. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Karnevalskultur zu einer strukturierteren Form. Inspiriert vom venezianischen Karneval entstanden die sogenannten „Redouten“ - exklusive Masken und Kostümbälle für Adel und wohlhabendes Bürgertum. Diese Veranstaltungen markierten den Beginn einer neuen Ära der Karnevalsfeier. Ein Meilenstein war die Gründung des „Festordnenden Komitees“ in Köln im Jahre 1823. Dieses Komitee organisierte den ersten Rosenmontagszug und legte damit den Grundstein für die heutige Form des rheinischen Karnevals. Die Gründung dieser ersten organisierten Karnevalsgesellschaft war ein exklusives Ereignis. Der Mitgliedsbeitrag von 3 Talern war für die damalige Zeit beachtlich hoch. Köln ist das Herz der Karnevalskultur in Deutschland. Die Stadt begeht jährlich eine der größten Karnevalsfeiern weltweit. Im Eidbruch der Stadt Köln taucht 1341 erstmals das Wort „Fastelovend“ auf. Interessanterweise beschloss der Stadtrat im selben Jahr kein Geld mehr für das Fest auszugeben. Trotzdem entwickelte sich der Karneval weiter. Zur Entstehung des Dreigestirns sei gesagt, dass 1422 erstmals der Kölner Bauer erwähnt wird und 1570 die Kölner Jungfrau. Seit 1823 führt der „Held Karneval“, später Prinz Karneval genannt, den Kölner Karneval an. Das Dreigestirn tritt seit 1883 als Einheit auf und erhielt 1937 seinen offiziellen Namen. Die Kölner Jungfrau ist eine Besonderheit des Dreigestirns. Traditionell wird diese Rolle von einem Mann verkörpert, was die humorvolle Natur des Karnevals unterstreicht. Heute gibt es in Köln etwa 160 Karnevalsgesellschaften, die jährlich rund 500 Sitzungen, Bälle und Umzüge gestalten. In Deutschland gibt es ca. 5300 Vereine dieser Art. Die Schnapszahl Elf gilt historisch und nach altem Brauchtum als Narrenzahl und steht für Jux und Tollerei. Im Christentum wird die Zahl auch mit Sünde verbunden, da sie zwischen den biblisch bedeutsamen Zahlen Zehn (zehn Gebote) und Zwölf (zwölf Apostel) steht. Außerdem umfassten im 19. Jahrhundert viele Stadt- und Kommunalgremien in Deutschland zehn oder zwölf Mitglieder. Der "Elferrat" im Karneval gilt daher als ein ironischer Angriff auf diese politische Ordnung. Im Stadtwappen der Karnevalshochburg Köln erinnern zudem elf symbolische Tränen an die 11.000 Jungfrauen, die einer Legende nach die Stadtpatronin Ursula nach Köln begleiteten und tragisch zu Tode kamen.  Eine andere Erklärung ist, dass die Elf für die Gleichheit aller Narren stehen soll. Denn bei zwei Einsen nebeneinander hat keine Zahl einen höheren Wert als die andere. Wieder andere vermuten, die Elf im Karneval lehne sich an die Französische Revolution an. Deren Botschaft „Egalitär, Legalität, Fraternité“ – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – kann ebenfalls mit ELF abgekürzt werden. lexicanum.de
von Sammlung Zehnthaus 9. Februar 2026
Während der Karnevalszeit galten im Mittelalter die normalen gesellschaftlichen Regeln nicht. Abbildung: Ausschnitt aus dem Gemälde „Kampf zwischen Karneval und Fasten“ nach Hieronymus Bosch. © KIK-IRPA, Brussels , Lizenz CC BY 4.0 Die Wurzeln der Karnevalskultur reichen weit in die Geschichte zurück. Vor etwa 5000 Jahren entstand in Mesopotamien - als sich die ersten Städte entwickelten - eine frühe Form der Narrenzeit. In Babylon feierte man nach Neujahr ein ausgelassenes Fest, das sieben Tage andauerte. Die Menschen verkleideten sich als Dämonen und machten Lärm mit Trommeln und Schellen, um böse Geister zu vertreiben. Bei diesen frühen Feiern galt das Gleichheitsprinzip. Für kurze Zeit wurden soziale Unterschiede aufgehoben. Sklaven und Herren feierten gemeinsam und tauschten dabei mitunter ihre Rollen. Dieser Gleichheitsgrundsatz ist auch heute ein wichtiger Bestandteil der Karnevalskultur. Die Narrenzeit breitete sich im Laufe der Zeit im gesamten Mittelmeerraum aus. In Ägypten feierte man zu Ehren der Göttin Isis, während in Griechenland dem Gott Dionysos gehuldigt wurde. Die Römer feierten die Saturnalien zu Ehren ihres Gottes Saturn (lat. Saturnus). Diese Feste waren geprägt von öffentlichen Gelagen und farbenprächtigen Umzügen. Bei den römischen Umzügen wurden geschmückte Schiffswagen durch die Straßen gezogen. Das Werfen von Rosen könnte der Ursprung der heutigen Konfetti-Tradition sein. Ein besonderes Merkmal der Saturnalien war der Rollentausch zwischen Sklaven und Herren. Für kurze Zeit wurden soziale Normen auf den Kopf gestellt. Dieser Brauch spiegelt sich noch heute wider, wenn Menschen in andere Rollen schlüpfen und Hierarchien vorübergehend aufgehoben werden. Im Mittelalter erlebten die Fastnachtstraditionen eine bemerkenswerte Entfaltung. Vom 12. bis zum 16. Jahrhundert entstanden die sogenannten „Narrenfeste“, die rund um den Epiphaniastag am 6. Januar gefeiert wurden. Diese Feiern fanden ihren Weg in die Kirchen, waren aber nicht kirchlich sanktioniert. Auch hier wurden zeitweilig die Rollen getauscht: Niedere Kleriker schlüpften in die Rollen höherer Geistlicher, was zu einer Umkehrung der üblichen Hierarchie führte. Kirchliche Rituale wurden parodiert, was den Geist des Karnevals widerspiegelte. Die Stadtbevölkerung wurde durch bunte Prozessionen in die Feierlichkeiten miteinbezogen. Diese Umzüge waren Vorläufer der heutigen Karnevalsumzüge und trugen zur Verbreitung der Fastnachtstraditionen bei. Karnevalsmasken spielten dabei eine zentrale Rolle, sie ermöglichten den Teilnehmern, in andere Rollen zu schlüpfen und soziale Normen zu hinterfragen. Ein bemerkenswertes Beispiel für die mittelalterlichen Fastnachtstraditionen war der Nürnberger Schembartlauf. Erstmals 1449 schriftlich erwähnt, entwickelte er sich zu einer beliebten Maskentanz-Tradition. Die Teilnehmer zogen durch die Stadt, verspotteten Bürger und spiegelten gesellschaftliche Zustände wider. Diese mittelalterlichen Bräuche legten den Grundstein für viele der Karnevalstraditionen, die wir heute kennen lexicanum.de
von Sammlung Zehnthaus 6. Januar 2026
Ab den 1970er Jahren trat eine umfassende Rückbesinnung und Abkehr von der Kunst des 19. Jahrhunderts ein. Traditionelle Krippendarstellungen wurden durch modern gekleidete, bewegliche Künstlerfiguren ersetzt. Glücklicherweise blieben viele alte Kirchenschätze in den Gotteshäusern im Stadtdekanat Bonn erhalten, sodass sie zusammen mit moderner Kunst bis heute einen unschätzbaren Reichtum bilden. Im Rahmen dieser Entwicklung möchten wir die neue Stadtkrippe im Bonner Münster St. Martin vorstellen. Seit 2013 gibt es dort eine Wandelkrippe in zeitgenössischer Gestaltung. Die Umsetzung der anspruchsvollen Designidee war eine große Herausforderung – selbst für die Holzschnitzer aus Oberammergau. Die Krippe besteht aus zwölf beweglichen Gliederfiguren, die etwa 40 Zentimeter hoch sind. Der Körper ist als bewegliches Holzgestell gestaltet, während die Gliedmaßen aus Metall bestehen und mit Stoff umwickelt sind. Dargestellt werden Maria, Josef sowie zehn weitere Figuren, die in unterschiedlichen Szenen auftreten. Über die Advents- und Weihnachtszeit hinweg, oft bis Maria Lichtmess am 2. Februar, werden verschiedene biblische Szenen immer wieder neu zusammengestellt. Diese neue Stadtkrippe verortet die uralten Ereignisse rund um die Geburt Jesu in das heutige Bonner Stadtbild. In der Darstellung erscheinen keine Hirten, Ochs, Esel oder Schafe – vielmehr sind es moderne Menschen, die vor einem mit Computertechnik gestalteten Stadtpanorama ihren gewohnten Beschäftigungen nachgehen. Das städtische Alltagsleben wird hier mit den weihnachtlichen Geschehnissen verschmolzen. Selbst das Aussehen der biblischen Figuren, etwa die Bekleidung und Frisur von Maria und Josef, ist eher modern gehalten. Die Kulisse zeigt markante Bonner Bauwerke, darunter das Rathaus, die Hauptpost und die Universität. Hoch aufragend erscheinen im Hintergrund das Münster und der Post Tower vor einem nachtblauen Himmel. In diesem beeindruckenden Arrangement spielt sich das tägliche Stadtleben ab. Ein Detailbild der Herbergssuche zeigt Maria und Josef bei ihrer Ankunft im nächtlichen Bonn am Busbahnhof, wo sie offenbar eine Unterkunft suchen. In weiteren Szenen werden ankommende Asylsuchende sowie Obdachlose und gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen dargestellt, die oft an diesem Ort verweilen. Die Geburtsszene ist in ein einfaches Zelt integriert, und staunende Bonner kommen herbei, um sich zu vergewissern, dass der Erlöser der Menschheit geboren wurde. Am 6. Januar haben schließlich auch die Heiligen Drei Könige ihren Weg zur Krippe gefunden. Die neue Bonner Stadtkrippe ist somit sehr ungewohnt und als solche einzigartig im Vergleich zu den übrigen 63 Bonner Krippen. Die Darstellung bietet eine vielfältige Mischung aus Religion und Theologie, Geschichte und Kunst, Freude und Ruhe - und vielleicht auch die Möglichkeit, sich selbst wiederzufinden. Quelle: Katholisches Bildungswerk Bonn, Weihnachtskrippen
von Sammlung Zehnthaus 20. Dezember 2025
Das Katholische Bildungswerk Bonn hat eine Broschüre mit dem Thema „Weihnachtskrippen in 63 Bonner Kirchen und Kapellen“ herausgegeben. Sie beschreibt nicht nur die Krippen, sondern auch die Kirchen in den Dekanaten Bonn Mitte/Süd (14), Bonn Nord (18), Bonn Bad Godesberg (17) und Bonn Beuel (14). Die Vielzahl der Kirchen und Kapellen ist dabei bereits beeindruckend. Im Folgenden eine kurze Einführung in dieses Thema. Krippen, meist in katholischen Kirchen aufgestellt, üben seit jeher eine große Anziehungskraft auf Kinder aus. Doch auch viele Erwachsene fühlen sich von ihnen besonders in der Weihnachtszeit magisch angezogen an und finden so den Weg in die Kirchen - und zum Kind in der Krippe. Dieses Krippenbrauchtum ist weit mehr als Sentimentalität oder Kitsch. Wer sich mit diesem Brauch näher auseinandersetzt, entdeckt eine erstaunliche Vielfalt in der Darstellung der Menschwerdung Jesu Christi. Krippen verleihen dem Weihnachtsevangeliums ein Gesicht und machen die biblische Botschaft auf eindrucksvolle Weise anschaulich. Text und figürliche Darstellung ergänzen sich in ihrer Ausdruckskraft. Es gibt keinen festen Maßstab für die Bewertung von Kirchenkrippen. Ob kunstvoll gestaltet oder mit viel Liebe von Laien gefertigt – jede Krippe hat ihren eigenen Wert. Wichtig ist, dass sie Ehrfurcht vor dem Glaubensgeheimnis wecken, das sie symbolisieren. Und: man darf, ja man soll sogar lächeln, wenn man sie betrachtet. Die frühesten Krippendarstellungen gehen auf das Lukasevangelium zurück: „Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in der Krippe liegt“ (Lk2,12). Der Legende nach ließ Franz von Assisi im 13. Jahrhundert das weihnachtliche Geschehen in einer Grotte in Umbrien durch Figuren in Menschengestalt nachstellen, um den Glauben zu stärken. Im 17. Jahrhundert brachten Jesuitenmissionare die Krippentradition sogar bis nach Asien und Amerika. Im Barockzeitalter des 18. Jahrhunderts wurden prachtvolle Krippen in Fürstenhäusern als Repräsentationsobjekte genutzt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts untersagte die damalige französische Besatzungsmacht im Rheinland das Aufstellen von Krippen in Kirchen. Als Reaktion darauf fanden Krippen zunehmend ihren Platz in Privathäuser. Auch Puppenbühnen griffen das biblische Thema auf – etwa das Hänneschen Theater und Millowitsch Theater in Köln. 1854 wurde in Bonn mit Stockpuppen das Stück „Drei Weisen aus dem Morgenland“ aufgeführt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden viele neue Kirchenkrippen neu angeschafft. In der Zeit des Kulturkampfes galten sie für die katholischen Rheinländer als Zeichen des Widerstandes gegen die überwiegend evangelisch geprägte preußische Regierung Die Produktion von Krippenfiguren aus Terrakotta oder Gips in Serienfertigung führte zu erschwinglichen Preisen. Die damals günstigen Gipsfiguren sind heute begehrte Sammlerstücke. Die Tradition der Krippenbetrachtung reicht weit zurück. Schon Goethe besuchte im 18. Jahrhundert die berühmten neapolitanischen Krippen und berichtete darüber. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren in der Köln-Bonner Region „Krippchensgänge“ weit verbreitet - eine Tradition, die seit den 1990er Jahren wieder auflebt. Quelle: Katholisches Bildungswerk Bonn, Weihnachtskrippen
von Stephan Eisel 3. Dezember 2025
Der Bonner Orchestermusiker Johann van Beethoven hatte schon länger vor, seinen talentierten Sohn Ludwig bei Musikliebhabern in der Region zu präsentieren. Dazu bot sich die Möglichkeit, als sich Kurfürst Maximilian Friedrich im Sommer 1781 als Fürstbischof in Münster aufhielt und erst am 11. September nach Bonn zurückkehrte. In dieser Zeit hatten die in Bonn zurückgebliebenen Orchestermusiker nur einen reduzierten Dienst. Der 41-jährige Johann van Beethoven nutzte diese Gelegenheit und begab sich mit dem zehnjährigen Ludwig und seinem Orchesterkollegen, Mitbewohner und Verwandten seiner Frau, Franz Georg Rovantini (24), auf eine kleine Rundreise. Darüber wissen wir aus den Erinnerungen des Bäckermeisters Fischer Bescheid. Sein Vater war der damalige Vermieter für die Familie Beethoven in der Bonner Rheingasse. Nach Fischer kommentierte Johanns Frau Maria Magdalena, also die Mutter von Ludwig van Beethoven, die Reise mit der trockenen Bemerkung: „Dan mann ist mal gern von der große unruhe der Mannsbilder befreit, so kann mann sich dan getz im stille sich wieder was erhohle, das mir sehr angenehm ist.“ Die Stationen der zunächst links- und dann rechtsrheinischen Besuche rund um Bonn wählte Johann van Beethoven danach aus, dass die besuchten Musikliebhaber ein Klavier besaßen. Schließlich sollte der zehnjährige Ludwig sein Talent auf den Tasten zeigen. Die Beethovens wollten mit ihren Besuchen ausdrücklich kein Geld verdienen, sondern denen die Reverenz erweisen, die auch öfter nach Bonn kamen, um dort am Musikleben teilzunehmen. Der erste der besuchten Musikfreunde war der 1719 geborene Burgherr in Flamersheim (heute ein Ortsteil von Euskirchen) Friedrich Wilhelm Freiherr von Dalwigk, der am Bonner Hof ein und aus ging. Von Flamersheim ging es zum „Pastor Olef“ in Euskirchen, einem Jugendfreund von Johann van Beethoven. In den Erinnerungen von Bäckermeister Fischer heißt es dann: „Von da aus ginnge sie bey Herr Pastor Deck in der Pfarr O[d]endorf, der war der Haußfrau Fischer ihr Herr Schwager, Musickfreünd war, wo sie auch Ehr empfinnge.“ Hilger Joseph Dick war in Odendorf 1767–1810 Pfarrer. Seine Schwester Anna Gudula hatte 1763 Carl Joseph Rheindorf geheiratet, den Bruder von Susanna Fischer geb. Rheindorf, der Ehefrau von Theodor Fischer, Beethovens Vermieter in der Bonner Rheingasse. Ein Bruder des Pfarrers war Wilhelm Heinrich Dick, Gutsbesitzer und Schultheiß im benachbarten Oberdrees. Dorthin – das Gut gehörte damals wohl noch dem Vater der Geschwister, Jodokus Dick, – reiste die kleine Musikergruppe als nächstes. Von Oberdrees ging es dann weiter nach Ahrweiler und von dort weiter nach Ersdorf zu einem weiteren (entfernten) Verwandten von Susanna Fischer. Nach Bonn kehrte die kleine Reisegruppe dann über Stationen in Röttgen und Poppelsdorf zurück. Beide waren damals selbstständige Dörfer. Dieser linksrheinischen Rundreise schloss sich einige Tage später ein rechtsrheinischer Teil an, der über Oberkassel nach Hennef und dann nach Bensberg und Siegburg führte. Wie lange die kleine Rundreise zu den Musikfreunden in der Region genau gedauert hat, ist nicht festzustellen. Sie muss aber sehr erfolgreich gewesen sein. Die Musiker wurden überall mit „viell Ehr“ empfangen und berichteten nach den Erinnerungen von Bäckermeister Fischer: „wier haben ville vergnügen gehabt, sind wider auf das künftige Jahr, wenn es uns Gott es uns noch erlebe laße, wider hänndig, trinngent [flink, behende, dringend] eingeladen.“  Weitere Informationen zur Rundreise finden sich in: Stephan Eisel, Beethoven – Die 22 Bonner Jahre, Bonn 2020. Aus diesem Buch stammt auch die hier wiedergegebene Karte.
von Sammlung Zehnthaus 14. November 2025
Die Einführung des Volkstrauertages in Deutschland geht im Wesentlichen auf Initiativen aus dem gesellschaftlichen Raum zurück, insbesondere auf den 1919 gegründeten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Der Volksbund ist eine humanitäre Organisation, die sich im Auftrag der Bundesregierung der Aufgabe widmet, Kriegstote im Ausland zu suchen und zu bergen, sie würdig zu bestatten und ihre Gräber zu pflegen. Dieser Gedenktag erinnert nicht nur an die gefallenen Soldatinnen und Soldaten, sondern auch an die zivilen Opfer von Kriegshandlungen, Vertreibung und Unterdrückung. Zugleich mahnt er uns, Verantwortung für Frieden, Demokratie und Menschlichkeit in der Gegenwart zu übernehmen. Der Volksbund betreut Angehörige und berät öffentliche und private Stellen in Fragen der Kriegsgräberfürsorge, auch international. Er engagiert sich in der Erinnerungskultur, fördert die Begegnung und Bildung junger Menschen an den Ruhestätten der Toten. Die Finanzierung erfolgt durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Bereits vor der Verabschiedung der Weimarer Verfassung 1919 gab es Bemühungen, einen Tag der nationalen Trauer zum Gedenken an die Kriegsopfer einzuführen. Trotz wiederholter Anläufe gelang es auch in der Weimarer Republik zunächst nicht, hierfür eine gesetzliche Regelung zu schaffen. 1922 forderte der Volksbund mit Unterstützung zahlreicher kirchlicher und gesellschaftlicher Organisationen erneut die Einführung eines Volkstrauertages. Da eine gesetzliche Regelung auch diesmal nicht zustande kam, veranstaltete der Volksbund im gleichen Jahr im Reichstagsgebäude in Berlin erstmals eine Gedenkstunde zur Versöhnung und Verständigung zwischen den Völkern. 1925 nahm der Reichstag formal den Antrag an, den Sonntag vor Beginn der Fastenzeit (Invokavit) zum Volkstrauertag für die Gefallenen der Weltkriege gesetzlich festzulegen. Ein Jahr später wurde der Volkstrauertag regelmäßig am fünften Sonntag vor Ostern (Reminiscere) in fast allen Ländern des Deutschen Reiches begangen. Bis 1932 fanden die Zentralveranstaltungen im Sitzungssaal des Reichstagsgebäudes statt. 
von Sammlung Zehnthaus 30. Oktober 2025
Der Monat November ist in vielerlei Hinsicht ein Monat des Gedenkens. Er beginnt am 1. November mit einem Hochfest der katholischen Kirche: Allerheiligen. Hochfeste sind die höchsten Feste der katholischen Kirche. Sie rücken zentrale Glaubensinhalte oder bedeutende Heilige in den Mittelpunkt und haben Vorrang vor allen anderen kirchlichen Festen oder Gedenktagen. Heilige sind entweder Märtyrer, die wegen ihres Glaubens den Tod erlitten oder Menschen, die ein besonders überzeugtes christliches Leben führten oder als Wundertäter verehrt wurden. Bereits seit dem ersten Jahrtausend gibt es die förmlichen Heiligsprechungs-verfahren, - Kanonisation -, durch die Personen zu „Ehren der Altäre“ erhoben werden. Das bedeutet, dass ihre sterblichen Überreste in oder unter Altären in Kirchen aufbewahrt und verehrt werden. Insgesamt kennt die katholische Kirche über 7.000 Märtyrer und fast ebenso viele Heilige und Selige. Für sie alle wird das Fest Allerheiligen gefeiert. Die Heiligenverehrung ist ein typisch katholisches Merkmal. Nur wenige Heilige sind allgemein bekannt oder besonders populär, etwa der heilige Sankt Martin, der heilige Nikolaus oder der heilige Franziskus. Die meisten hingegen kennt man weniger, und wer mehr über sie erfahren möchte sollte ein Heiligenlexikon zur Hand nehmen oder sie im Internet suchen. Dabei stößt man auf oft außergewöhnliche und mitunter auch befremdliche Lebensgeschichten, erfährt von besonderen Tugenden und erfährt von den Patronaten, die diese Heiligen übernehmen. In fast jeder katholischen Kirche finden sich Figuren von Heiligen, oft mit Heiligenschein und symbolischen Attributen dargestellt, eine Einladung zum Rätselraten. Heilige werden oft an ihrem Todestag verehrt. Ihre Verehrung bedeutet jedoch keine Anbetung, sondern die Würdigung ihres Lebens, die Anerkennung ihres vorbildlichen Handelns sowie die Bitte um ihre Fürsprache und ihren Beistand. Der geschichtliche Ursprung des Allerheiligenfestes liegt in der Weihe eines ehemaligen heidnischen Tempels in Rom. Das Pantheon, ein Bauwerk aus dem 2. Jahrhundert war früher allen Göttern des Heidentums geweiht. Im Jahr 609 ließ Papst Bonifatius IV. das Gebäude in eine Kirche umwandeln und einweihen - mit einem jährlichen Gedenktag am Freitag nach Ostern. Über ein Jahrhundert später weihte Papst Gregor III. eine Kapelle in der Petersbasilika allen Heiligen und legte das Fest auf den 1. November fest. Die Wahl dieses Datums hatte praktische Gründe: Nach der Ernte und Weinlesezeit standen ausreichend Lebensmittel zur Verfügung, um ein festliches Mahl auszurichten. Heute ist Allerheiligen auch ein Anlass, jener Menschen zu gedenken, die ein vorbildliches Leben führten, aber nicht offiziell als Heilige anerkannt wurden. Obwohl Allerheiligen ein christlicher Feiertag ist, wird er in Deutschland nicht in allen Bundesländern als Feiertag begangen. Nur in den überwiegend katholisch geprägten Ländern wie Bayern, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland ist er gesetzlich geschützt. Allerheiligen gilt zudem als „stiller Feiertag“, um dem religiösen Charakter gerecht zu werden. Öffentliche Musik und Tanzveranstaltungen sind an diesem Tag untersagt. Nur einen Tag später, am 2. November, begehen katholischen Christen den Gedenktag Allerseelen, ein kirchlicher Feiertag, der dem Gedenken der Verstorbenen gewidmet ist. Mit ihm verbunden ist der Brauch der Gräbersegnung. Viele Menschen besuchen an diesem Tag die Ruhestätten ihrer Angehörigen. Allerheiligen und Allerseelen stehen somit in enger Beziehung zueinander, als Tage des Erinnerns, des Gedenkens und des stillen Gebets. Sammlung Zehnthaus