Folge 94: Bonner Krippenweg (2)
Ab den 1970er Jahren trat eine umfassende Rückbesinnung und Abkehr von der Kunst des 19. Jahrhunderts ein. Traditionelle Krippendarstellungen wurden durch modern gekleidete, bewegliche Künstlerfiguren ersetzt.
Glücklicherweise blieben viele alte Kirchenschätze in den Gotteshäusern im Stadtdekanat Bonn erhalten, sodass sie zusammen mit moderner Kunst bis heute einen unschätzbaren Reichtum bilden.
Im Rahmen dieser Entwicklung möchten wir die neue Stadtkrippe im Bonner Münster St. Martin vorstellen. Seit 2013 gibt es dort eine Wandelkrippe in zeitgenössischer Gestaltung. Die Umsetzung der anspruchsvollen Designidee war eine große Herausforderung – selbst für die Holzschnitzer aus Oberammergau. Die Krippe besteht aus zwölf beweglichen Gliederfiguren, die etwa 40 Zentimeter hoch sind. Der Körper ist als bewegliches Holzgestell gestaltet, während die Gliedmaßen aus Metall bestehen und mit Stoff umwickelt sind. Dargestellt werden Maria, Josef sowie zehn weitere Figuren, die in unterschiedlichen Szenen auftreten. Über die Advents- und Weihnachtszeit hinweg, oft bis Maria Lichtmess am 2. Februar, werden verschiedene biblische Szenen immer wieder neu zusammengestellt.
Diese neue Stadtkrippe verortet die uralten Ereignisse rund um die Geburt Jesu in das heutige Bonner Stadtbild. In der Darstellung erscheinen keine Hirten, Ochs, Esel oder Schafe – vielmehr sind es moderne Menschen, die vor einem mit Computertechnik gestalteten Stadtpanorama ihren gewohnten Beschäftigungen nachgehen. Das städtische Alltagsleben wird hier mit den weihnachtlichen Geschehnissen verschmolzen. Selbst das Aussehen der
biblischen Figuren, etwa die Bekleidung und Frisur von Maria und Josef, ist eher modern gehalten.
Die Kulisse zeigt markante Bonner Bauwerke, darunter das Rathaus, die Hauptpost und die Universität. Hoch aufragend erscheinen im Hintergrund das Münster und der Post Tower vor einem nachtblauen Himmel. In diesem beeindruckenden Arrangement spielt sich das tägliche Stadtleben ab.
Ein Detailbild der Herbergssuche zeigt Maria und Josef bei ihrer Ankunft im nächtlichen Bonn am Busbahnhof, wo sie offenbar eine Unterkunft suchen. In weiteren Szenen werden ankommende Asylsuchende sowie Obdachlose und gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen dargestellt, die oft an diesem Ort verweilen. Die Geburtsszene ist in ein einfaches Zelt integriert, und staunende Bonner kommen herbei, um sich zu vergewissern, dass der Erlöser der Menschheit geboren wurde. Am 6. Januar haben schließlich auch die Heiligen Drei Könige ihren Weg zur Krippe gefunden.
Die neue Bonner Stadtkrippe ist somit sehr ungewohnt und als solche einzigartig im Vergleich zu den übrigen 63 Bonner Krippen. Die Darstellung bietet eine vielfältige Mischung aus Religion und Theologie, Geschichte und Kunst, Freude und Ruhe - und vielleicht auch die Möglichkeit, sich selbst wiederzufinden.
Quelle: Katholisches Bildungswerk Bonn, Weihnachtskrippen










