Folge 92: Wie Ludwig van Beethoven nach Odendorf kam
Der Bonner Orchestermusiker Johann van Beethoven hatte schon länger vor, seinen talentierten Sohn Ludwig bei Musikliebhabern in der Region zu präsentieren. Dazu bot sich die Möglichkeit, als sich Kurfürst Maximilian Friedrich im Sommer 1781 als Fürstbischof in Münster aufhielt und erst am 11. September nach Bonn zurückkehrte. In dieser Zeit hatten die in Bonn zurückgebliebenen Orchestermusiker nur einen reduzierten Dienst.
Der 41-jährige Johann van Beethoven nutzte diese Gelegenheit und begab sich mit dem zehnjährigen Ludwig und seinem Orchesterkollegen, Mitbewohner und Verwandten seiner Frau, Franz Georg Rovantini (24), auf eine kleine Rundreise. Darüber wissen wir aus den Erinnerungen des Bäckermeisters Fischer Bescheid. Sein Vater war der damalige Vermieter für die Familie Beethoven in der Bonner Rheingasse.
Nach Fischer kommentierte Johanns Frau Maria Magdalena, also die Mutter von Ludwig van Beethoven, die Reise mit der trockenen Bemerkung: „Dan mann ist mal gern von der große unruhe der Mannsbilder befreit, so kann mann sich dan getz im stille sich wieder was erhohle, das mir sehr angenehm ist.“
Die Stationen der zunächst links- und dann rechtsrheinischen Besuche rund um Bonn wählte Johann van Beethoven danach aus, dass die besuchten Musikliebhaber ein Klavier besaßen. Schließlich sollte der zehnjährige Ludwig sein Talent auf den Tasten zeigen. Die Beethovens wollten mit ihren Besuchen ausdrücklich kein Geld verdienen, sondern denen die Reverenz erweisen, die auch öfter nach Bonn kamen, um dort am Musikleben teilzunehmen.
Der erste der besuchten Musikfreunde war der 1719 geborene Burgherr in Flamersheim (heute ein Ortsteil von Euskirchen) Friedrich Wilhelm Freiherr von Dalwigk, der am Bonner Hof ein und aus ging. Von Flamersheim ging es zum „Pastor Olef“ in Euskirchen, einem Jugendfreund von Johann van Beethoven.
In den Erinnerungen von Bäckermeister Fischer heißt es dann: „Von da aus ginnge sie bey Herr Pastor Deck in der Pfarr O[d]endorf, der war der Haußfrau Fischer ihr Herr Schwager, Musickfreünd war, wo sie auch Ehr empfinnge.“
Hilger Joseph Dick war in Odendorf 1767–1810 Pfarrer. Seine Schwester Anna Gudula hatte 1763 Carl Joseph Rheindorf geheiratet, den Bruder von Susanna Fischer geb. Rheindorf, der Ehefrau von Theodor Fischer, Beethovens Vermieter in der Bonner Rheingasse. Ein Bruder des Pfarrers war Wilhelm Heinrich Dick, Gutsbesitzer und Schultheiß im benachbarten Oberdrees. Dorthin – das Gut gehörte damals wohl noch dem Vater der Geschwister, Jodokus Dick, – reiste die kleine Musikergruppe als nächstes.
Von Oberdrees ging es dann weiter nach Ahrweiler und von dort weiter nach Ersdorf zu einem weiteren (entfernten) Verwandten von Susanna Fischer. Nach Bonn kehrte die kleine Reisegruppe dann über Stationen in Röttgen und Poppelsdorf zurück. Beide waren damals selbstständige Dörfer.
Dieser linksrheinischen Rundreise schloss sich einige Tage später ein rechtsrheinischer Teil an, der über Oberkassel nach Hennef und dann nach Bensberg und Siegburg führte.
Wie lange die kleine Rundreise zu den Musikfreunden in der Region genau gedauert hat, ist nicht festzustellen. Sie muss aber sehr erfolgreich gewesen sein. Die Musiker wurden überall mit „viell Ehr“ empfangen und berichteten nach den Erinnerungen von Bäckermeister Fischer: „wier haben ville vergnügen gehabt, sind wider auf das künftige Jahr, wenn es uns Gott es uns noch erlebe laße, wider hänndig, trinngent [flink, behende, dringend] eingeladen.“
Weitere Informationen zur Rundreise finden sich in: Stephan Eisel, Beethoven – Die 22 Bonner Jahre, Bonn 2020. Aus diesem Buch stammt auch die hier wiedergegebene Karte.











